Zurücklehnen oder interaktiv?
Google hat für Herbst 2010 “YouTube Leanback” angekündigt: man wählt einfach nur den gewünschten Kanal aus und das Programm beginnt. In Zukunft lehnen wir uns also zurück und lassen uns im Internet genau wie vor dem Fernseher berieseln.
Seit Jahren habe ich schon auf den Dienst gewartet, der genau so etwas im Web anbietet. Ich schalte ein und schaue einfach drauf los. Denn niemand baut sich ein abendfüllendes Programm mit einer YouTube-Playlist zusammen. Doch im Internet tummeln sich viele interessante Videos, die man aber mühevoll zusammensuchen muss. Verschiedene Formate, mal im Flash-Player, gestreamt, ein anderes Mal zum Download: nur mit vielen Klicks und dem nötigen Technikwissen kann man sich so durch unterhaltsame Inhalte arbeiten.
Google will nun unter einer neuen Webadresse das alles unter einen Hut bringen und für jeden bedienbar machen. Wie die Adresse heißt und welche Inhalte dann tatsächlich zur Verfügung stehen ist noch nicht bekannt. Damit das Angebot erfolgreich wird, sollten meines Erachtens mindestens die folgenden Bedingungen erfüllt sein:
professionelle Inhalte
Wer sich zurücklehnt und länger als ein paar Minuten Videos sehen möchte, der will vermutlich keine kurzen Katzenvideos und “funny Clips” aneinandergereiht sehen, sondern professionelle Inhalte, die mit Produktionen von TV-Sendern vergleichbar sind. Wird Google über die Plattform auch TV-Inhalte anbieten oder auf entsprechende Inhalte aus dem Web setzen? Mit englischsprachigen Webproduktionen in hervorragender Qualität kann man inzwischen einen großen Teil des klassischen Fernsehens ersetzen. In Deutschland sieht es allerdings noch sehr mau aus.
jeder darf mitmachen
Apple hat es in den letzten 5 Jahren mit dem Podcast-Verzeichnis im iTunes Store endgültig bewiesen: jeder kann seine eigene Radio- oder TV-Sendung selbst produzieren. Natürlich machen dort inzwischen auch fast alle TV-Sender mit. Das interessante dabei ist allerdings, dass sie nie über einen längeren Zeitraum die ersten Plätze belegen, sondern sich immer ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit sehr guten, unabhängigen oder teils sogar privat produzierten Inhalten liefern. Auch ein Angebot wie YouTube Leanback muss unbedingt jeder Produzent uneingeschränkt nutzen können.
Wer soll das bezahlen?
Professionell produzierte Inhalte müssen irgendwie finanziert werden. Google wird hier natürlich bestimmt umfangreiches Werkzeug für Werbeeinblendungen und ähnliches zur Verfügung stellen. Mit Google AdWords, was auch Videos ausliefern kann, ist das gesamte System schließlich bereits vorhanden. Die Plattform muss allerdings auch so offen sein, dass jeder Produzent selbst über die Subventionierung seiner Inhalte entscheiden kann. Die Gewinne durch Werbeeinblendungen werden nämlich vermutlich nicht reichen, damit sich eine Videoproduktion trägt.
Intelligente Verwaltung
Eine gewisse Intelligenz des Dienstes ist nötig, damit z.B. Informationen über bereits abgespielte Videos oder die Reihenfolge von Serienproduktionen berücksichtigt werden können. Wer wöchentlich mit den gleichen Videos gefüttert, oder mit zufällig abgespielten Einzelepisoden verwirrt wird, schaut nicht lange zu.
Mit GoogleTV, ebenfalls für Herbst 2010 angekündigt, wird die Zukunft dagegen interaktiv. Der Fernseher bekommt eine Tastatur statt einer Fernbedienung und ein Suchformular als Startbildschirm. Man sucht nach dem Thema, der Schauspielerin oder der Serie, die man sich anschauen möchte und Google liefert die Information, was dazu gerade im Fernsehen läuft, bei Onlinediensten ausgeliehen oder gekauft werden kann oder kostenlos bei YouTube zur Verfügung steht. Nach einem weiteren Klick läuft das Video dann auf dem Fernseher, unabhängig davon wer den Inhalt liefert.
Auch hier wird der Erfolg wohl von den folgenden Faktoren abhängen:
Bedienung
Der durchschnittliche TV-Zuschauer ist es nicht gewohnt, dass er mehr Entscheidungen trifft als zur gewünschten Uhrzeit ein Programm einzuschalten und die Lautstärke zu wählen. Es ist also Google’s Aufgabe, die Navigation im System so einfach wie nur möglich zu machen, damit der Zuschauer überhaupt motiviert ist, diese Zusatzfunktionen zu nutzen. Im schlimmsten Fall werden die gebotenen Vorteile einfach ignoriert.
Wie werden TV-Inhalte durchsucht?
Natürlich hat hier Google mit den zweifellos besten Suchalgorithmen am Markt ebenfalls große Vorteile. Doch weder vorhandene TV-Inhalte noch das Angebot aus dem Web sind nach einem bestimmten Standard verschlagwortet oder katalogisiert. In einigen Fällen fehlen zusätzliche Informationen auch komplett oder sind nur schwer auszulesen.
Eine Erkennung von Sprache auf der Audiospur oder Texte und Objekte in Videos ist technisch sehr aufwändig und nach dem heutigen Stand immer noch sehr fehlerbehaftet. So liegen hier also viel weniger Inhalte vor als z.B. bei Texten oder Bildern, die man vergleichbar einfach durchsuchen kann.
Vorschläge?
Ich will bei diesem Dienst natürlich meistens keine Wiederholungen sehen und so muss das System selbst entscheiden, welches Video es mir als nächstes spielt. Wenn ich zu viele schlechte Inhalte vorgesetzt bekomme, brauche ich keine interaktive Programmgestaltung, sondern kann auch auf das klassische TV-Programm zurück greifen. Auch hier ist ein intelligentes System nötig, welches meinen Geschmack wenigstens erahnen kann und mir personalisierte Vorschläge macht.
Bleibt die Frage, was der Zuschauer in Zukunft wirklich von seinem Fernseher erwartet. Ist das Prinzip Sender wählen und zurücklehnen nicht schon perfekt oder erwartet die Generation, die mehr Zeit im Internet als vor dem Fernseher verbringt, dass dieser genau wie das Internet durchsuchbar ist?
Die stark einschränkenden Lizenzen zwischen Produktionsunternehmen und TV-Sendern könnten dazu führen, dass diese modernen Plattformen erst einmal ohne die bekannten TV-Inhalte auskommen müssen. Dann kann ich mir allerdings vorstellen, dass diese trotz großartiger Technik und hochwertiger Inhalte komplett ignoriert werden.
Vielleicht schafft es aber Google tatsächlich, diese beiden Welten zu vereinen und es wird bald egal sein, wo Videoinhalte her kommen. Doch ab diesem Moment frage ich mich, welche Daseinsberechtigung das in Echtzeit laufende TV-Programm noch hat? Von Liveübertragungen einmal abgesehen. Vielleicht ist es aber auch die Absicht, genau so eine Übergangslösung anzubieten, bis das Fernsehen wie wir es kennen abgeschafft ist.
Denn eines ist sicher: niemand kündigt seinen Kabelanschluss oder entfernt seine Satellitenantenne und schaut ab sofort nur noch Internetfernsehen.
